Wien: Nazi-Gedenken. 200 Demonstrierende protestieren gegen das FPÖ-Dinghofer-Symposium

Rund 200 Menschen haben am Dienstag in der
österreichischen Hauptstadt gegen die Abhaltung einer umstrittenen
„parlamentarischen Konferenz“ protestiert, die am morgigen Mittwoch Franz
Dinghofer gedenken soll, einem ehemaligen Politiker des Nationalsozialismus.
Historiker und Erinnerungsinitiativen hatten unermüdlich dafür geworben, diese
Konferenz, organisiert vom Nationalratspräsidenten der rechtsextremen FPÖ,
Walter Rosenkranz, abzusetzen. Sie fällt zudem zeitlich in die Gedenkperiode an
die Novemberpogrome – die sogenannte „Kristallnacht“ –, die vor 87 Jahren die
Umsetzung der neuen Politik des Dritten Reiches markierten. Dieses Gedenken
zählt zu den ungeschicktesten Gesten im Umgang Österreichs mit seiner eigenen
Vergangenheit.

Eine Demonstration in Wien gegen die umstrittene Ehrung

Etwa 200 Demonstrierende
versammelten sich am Dienstag vor dem Parlament in Wien, um gegen die
Organisation eines Symposiums zu protestieren, das Franz Dinghofer, einem
Politiker mit nationalsozialistischer Gesinnung, gewidmet ist. Dieses
Symposium, von Walter Rosenkranz, dem Nationalratspräsidenten aus den Reihen
der rechtsextremen FPÖ, orchestriert, findet trotz Kritik von Historikern und
Erinnerungsinitiativen unter dem Titel „Zensur und Ideologisierung – Die
Freiheit in Gefahr“ statt.

Im Demonstrationszug waren
zahlreiche Schilder zu sehen, darunter Botschaften wie „Kein Platz für
Antisemitismus“ oder schlicht „Schande“, so groß ist die emotionale Reaktion
auf diese Gedenkveranstaltung. Das Datum ist umso heikler, da es kurz nach dem 87.
Jahrestag der Novemberpogrome liegt (9.–10. November 1938), dem ersten
ausdrücklich antisemitischen Pogrom der Geschichte.

Die FPÖ wies die Kritik pauschal zurück: Die
Anschuldigungen seien „nichts anderes als eine Diffamierung“, und Dinghofer sei
nicht ein Nazi, sondern ein Diplomat der Zwischenkriegszeit gewesen.

Die FPÖ baut das österreichische Parlament zu einer revisionistischen
Gedenkstätte um

Als stärkste Partei der
letzten Nationalratswahl ließ die FPÖ Walter Rosenkranz zum Präsidenten des
Nationalrats wählen – ein Schlüsselposten, der es ihr nun erlaubt, das
Parlament als Bühne für politische Legitimation zu nutzen. Dieses Jahr markiert
eine institutionelle Zäsur: Rosenkranz setzte das „Dinghofer-Symposium“ als
offiziellen Termin in den Parlamentskalender.

Bei diesem Symposium werden nicht nur die
Franz-Dinghofer-Medaille, sondern auch ein Journalistenpreis, der ebenfalls
seinen Namen trägt, verliehen. Der gewählte Titel macht deutlich, dass die FPÖ
Dinghofers Erinnerung bewusst mit einer angeblichen Verteidigung der „Freiheit“
gegen „Zensur“ verknüpft.

Diese Vorgehensweise löste
heftige Kritik aus: Ein offener Brief von Historikern prangert die Würdigung
eines Mannes an, den manche als Antisemiten in der Tradition der NSDAP
einordnen. Die Opposition (Grüne, SPÖ, ÖVP, NEOS) bezeichnet die Initiative als
„Schande“ für das Parlament und als Versuch einer Geschichtsumdeutung.

Die FPÖ hält unbeirrt an
ihrer Linie fest. Ihr Generalsekretär Christian Hafenecker sprach von einer
„Diffamierungskampagne“, die Dinghofer als Patrioten darstelle, der wenig
demokratisch, aber ein Opfer der Totalitarismen gewesen sei. Das Parlament müsse
ein Ort der freien Rede und der echten historischen Auseinandersetzung bleiben
– kein Heiligtum ideologischer Zensur.

Österreich erlebt angesichts der
FPÖ-Initiative eine tiefe erinnerungspolitische Spaltung. Dieses historisch
aufgeladene Symposium, das zu einer politischen Tribüne geworden ist, wirft
eine zentrale Frage auf: Wie weit kann die Rehabilitierung umstrittener Figuren
gehen, ohne die Erinnerung an die Vergangenheit im Sinne der Politik zu
verfälschen?

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